Albert Mathaei                              Abendmahl

 

Mir schenkte Christ aus seines Herzens Becher

Des ewigen Lebens Wein zu süßer Labe,

Stillend der Seele Durst, und sprach: Ich habe

Mit deiner Not Erbarmen, armer Schächer!

 

Einschlürft’ ich da den rechten Sorgenbrecher;

Wie auferstanden bin ich aus dem Grabe

Und fühle Kraft und hohe Rednergabe,

Vom Rausch des Himmels ein beseelter Zecher.

 

Nun dämmert auch die Nacht in mir; die Tiefe

Durchklingt’s wie Ostergruß der Morgensterne;

Mir ist, als ob der Herr ans Werk mich riefe.

 

Auch seh’ ich golden in der Zukunft Ferne

Ein Gotteshaus, von Künstlern neugegründet,

Drin Dichtermund den Heiland neu verkündet.

 

 

 

 

Albert Mathaei                       An Sich

 

Und bis dir nicht ein schönes Werk gelungen,

Verborgen sollst du dich im Dunkel halten,

Zum Höchsten strebend voll den Geist entfalten,

Von Eitelkeit und Ehrgier unbezwungen.

 

Getrost, auch du hast einmal ausgerungen,

Zum Trotze hundert feindlichen Gewalten;

Erscheinen endlich werden die Gestalten

Des Innern, zur Vollendung durchgedrungen.

 

Nicht immer strahlt schon in der Morgenfrühe

Der Sonne Kraft durch schwere Wolkenschichten,

Oft siegt sie spät erst und nach vieler Mühe.

 

Oft schien es auch, wir sollten ganz verzichten

Auf ihren Glanz; da bricht sie durch und sendet

Ein Lichtmeer nieder – und wir stehn geblendet.

 

 

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Auf den Tod König Ludwigs II.

 

Der Wahn, dein Freund, entartete zum Diebe:

Derweil du träumtest, stahl er dir die Krone.

Dann stieß dich Staatswohl ehrfurchtsvoll vom Throne;

Und half dir nichts des Volks ohnmächt’ge Liebe.

 

Empört aufbäumten sich des Herrschers Triebe

Zum tetztenmal im armen Erdensohne:

Er sieht, ihm droht unwürd’gen Lebens Frone –

Da wußt’ er, was dem König übrig bliebe:

 

Zu sterben! – Und mit unbeugsamem Willen

Beugst du das Haupt und tauschst es in die Wogen,

Den Durst der Majestät im Tod zu stillen.

 

Ob Schuld, ob Schicksal dich hinabgezogen?

Wer löste je die alte Rätselfrage! –

Die Thräne rinnt; der Dank wird Totenklage.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Auf Richard Wagners Tod

 

Die Luft erbrauste, wilde Rosse schnoben,

Laut rasselnd klirrten Panzer, Speer’ und Schilde,

Walküren sprengen auf das Schlachtgefilde

Des Lebens, mitten in des Kampfes Toben.

 

Ein Schlag aufs Herz, und, auf ihr Roß gehoben,

Den Sänger Siegfrieds wiegt im Arm Brunhilde,

Hell auf vor Freude jauchzend lacht die Wilde;

Und weitersausend lenkt der Zug nach oben.

 

Erstrahlend auf Walhallas Thore fliegen,

Entgegen jubelt Siegfried seinem Meister:

Willkommen uns, geliebter Sangesrecke!

 

Sollst nicht bei Zwergen deine Kraft verliegen;

Hier ist dein Platz! Dir lauschen Heldengeister,

Wenn deinem Tönen bebt des Himmels Decke.

 

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Christus spricht

 

Wähl dir des Glaubens heilige Symbole!

Laß sie durchwehn des Herzens Flammenhauche,

Und schalt und walte frei nach Dichterbrauche!

Es zeugt für mich, und euch gereicht’s zum Wohle.

 

Auch prüfend aus den heil’gen Büchern hole,

Wenn du dein Innerstes willst offenbaren,

Was sie dem Dichter Köstliches bewahren!

Es zeugt für mich, und euch gereichts zum Wohle.

 

So aber sich der Ruf der Zionswächter

Erhebt, den Tempel thätest du entweihen:

Schweig – und in Gottes Namen laß sie schreien!

 

Und wenn auch noch des Himmelreichs Verächter

Der Weisheit Stimme gegen dich erheben:

Schweig – und im Weinberg pflanz mir neue Reben!

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Die Deutschen an Italien

 

Wir stürzen oft in wilden Heereswogen

Hinab mit Roß und Reiter, Speer und Schilde

Uns von der Alpen Höhn auf dein Gefilde,

Tod und Verderben wälzend, wo wir zogen.

 

Schon manch Jahrhundert ist seitdem verflogen;

Längst schlägt das Herz in unserm Busen milde,

Gerührt von deiner Schönheit Götterbilde,

Beseligt unter deinem Himmelsbogen.

 

Nun pilgern wir, die alte Schuld zu büßen,

Zu deinen Städten, Kirchen und Madonnen,

Und liegen fromm der heil’gen Kunst zu Füßen.

 

Durch einen Trank aus ihrem Wunderbronnen

Den bittern Kelch des Todes zu versüßen,

Dünkt uns die höchste aller Lebenswonnen.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Die größte Lust

 

Was soll, o Herz, dein wunderliches Schlagen?

Nun leis’ und langsam, nun so rasch und mächtig;

Nun stockt es ganz. Mein Herz, das ist verdächtig!

du willst mir wohl ein Sterbenswörtchen sagen?

 

Ich hör’ es gern und werde gar nicht klagen.

Ein solcher Tod wär’ über alles prächtig!

Doch träf’ er gar mich schlafend mitternächtig,

Von meinem Glücke soll man rühmend sagen!

 

Denn schmerzlos wäre plötzlich mir beschieden,

Wonach ich schmerzvoll lang gerungen habe:

Das höchste Gut des Menschen, Gottesfrieden.

 

Nur schade, daß Glückseligkeit im Grabe

Nicht kann genossen werden mit Bewußtsein!

Das eben sollte mir die größte Lust sein.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Die Hohenstaufen

 

Herz, weide dich an diesem Prachtgeschlechte!

Von Poesie wie schimmern die Gestalten!

Und wie sie Wunderkraft aus sich entfalten,

Geboren mit des Genius Herrscherrechte!

 

Doch um die Macht in ewigem Gefechte,

Verstehn sie nicht, das heil’ge Maß zu halten

Und lassen frei des Busens Dämon schalten.

So sind sie bald des Unrechts böse Knechte.

 

Das treibt zum Untergang mit Sturmeseile.

Geschlecht häuft auf Geschlecht der Schuld Gewichte.

Das Schicksal, wütend, schleudert Donnerkeile.

 

Da sühnt ein Jünglingshaupt im Morgenlichte

Schuldlos der Väter unterm Beile –

Und schließt ein Trauerspiel der Weltgeschichte.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Entsagung

 

O Herz, mein Herz, was machst du mir für Plage!

Wie quälst du mich auf martervolle Weise!

Raubst Schlaf und Ruh’, verleidest Trank und Speise –

Wie leb’ ich! Welche Nächte, welche Tage!

 

Und um Gescheh’nes, ach! was hilft die Klage?

Vergebens zieh’n die Thränen feuchte Gleise,

Dreh’n die Gedanken sich im gleichen Kreise –

Auf, Herz, mein Herz, ermanne dich, entsage!

 

Ist’s denn so schwer, ein Traumglück zu vergessen?

Vom Jugendwahn sich männlich loszuringen?

Und zu verlieren, was du kaum besessen?

 

Es muß geschehn, mein Herz, du mußt entsagen! –

Sonst mag ein Blitz erbarmend mich erschlagen;

Sonst mag ein Abgrund gnädig mich verschlingen!

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Freiheit

 

Willkür – du bist die schlimmste der Sirenen,

Die ach! so süß von Freiheit singt. Verloren

Im Meer des Irrtums, scheitern ewig Thoren,

Wo leichenvoll sich deine Klippen dehnen.

 

Wie leicht in uns erweckst du Liebessehnen!

Der Hang zur Willkür ist uns eingeboren.

Wer hört dich singen und verstopft die Ohren?

Wer thut es nach dem Klügsten der Hellenen?

 

Die Herrscher ihrer Seele sind: Die Weisen!

Die lenken still und sicher durch die Wogen,

Wie die Gestirne durch den Äther kreisen.

 

Geschrieben stehet nachts am Himmelsbogen

Mit Sternenschrift, uns ewiglich zu mahnen:

Die Freiheit wandelt des Gesetzes Bahnen.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Genesung

 

Krank lag ich hoffnungslos, ich war verloren.

Da fühlt’ ich leise mir die Hand berühren

Und hört’: Steh auf, mein Sohn, ich will dich führen,

Der Fürst des Lebens, aus des Todes Thoren!

 

Da stand ich auf und wurde neugeboren:

Dankstammelnd fiel ich zu des Heilands Füßen,

Als meinen Retter selig ihn zu grüßen;

Und hab’ mich ihm auf ewig zugeschworen.

 

Nun muß ich seiner Liebe Macht verkünden,

Sie dringt mich sehr und fordert neue Lieder,

Für ihn erlosch’ne Herzen anzuzünden.

 

Mir ahnt, es kömmt ein Menschenfrühling wieder;

Ich hör’ es in den Lüften seltsam brausen,

Und durch die Seele wandelt süßes Grausen.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Mitten durch

 

Die Einen wollen uns mit Dogmen binden,

Das Denken an des Glaubens Kette schmieden,

Sie möchten gern verbrennen, braten, sieden

Wie ehemals, wenn sie nicht uns willig finden.

 

Die Andern ließen Gott und Geist verschwinden

In Wissensdunst, und haben selbstzufrieden

Für Stoff und Kraft im Urschlamm sich entschieden.

Wer anders denkt, zählt zu den ewg Blinden.

 

Lebt wohl ihr alten und ihr neuen Pfaffen!

Vergebens lockt ihr mich an eure Seite:

Von euch mit keinem hab’ ich was zu schaffen!

 

Doch hemmt ihr mich und rufet ihr zum Streite,

Wohlan, ich bin in guter Wehr und Waffen,

Und schirmend gibt mein Engel mir Geleite!

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Nebelbilder

 

Der Knabe saß in Saales Dämmerhelle,

Von Menschen voll, verwundert eine Stunde

Zuschauend Bildern, die im Nebelgrunde

Auftauchten, glänzten und verschwanden schnelle.

 

Nun sieht der Jüngling auf der Zeitenwelle

Die irdischen Phantome eine Stunde

Gestaltet schweben überm Todesschlunde,

Versinken, neue blinken auf der Welle.

 

Auch jetzt, wie einst der Knabe, möcht’ ich fragen,

Wie sich das Wunderbare zugetragen?

Und lächle doch und weiß, es ist vergebens!

 

Hier kann der Weiseste nichts Kluges sagen.

Stets unergründlich bleibt das Meer des Lebens

Und spottet schweigend menschlichen Bestrebens.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Neues Leben

 

Der Winter hat unendlich lang gedauert!

Der Seele Himmel wollt’ sich nicht erhellen,

Gefroren starrten des Gefühles Wellen,

Der Geist saß wie im Kerker eingemauert.

 

Nun ist’s vorbei, nun hab’ ich ausgetrauert;

Ich fühl’s in mir wie junger Knospen Schwellen,

Ich hör’ es rieseln wie befreite Quellen,

Ich bebe leis’, vom Frühlingshauch durchschauert.

 

Nun sei getrost und hoffe, mein Gemüte!

Ein göttlich Ungewitter – und es springen

Die Knospen auf, und alles steht in Blüte.

 

Von allen Zweigen wird Gesang erklingen;

Und was so lang in dir verborgen glühte,

Aus Flammenliedern wird’s gen Himmel singen.

 

 

 

 

Albert Mathaei                       O böse Zeit

 

O böse Zeit! Du hängst mit Zentnerschwere,

Mich lähmend, fest an meiner Seele Schwingen,

Den höchsten Flug zuletzt hinabzuzwingen,

Mit allen Kräften wie ich auch mich wehre.

 

Verworren und entzweit in That und Lehre,

Mit Dünkel groß in tausend kleinen Dingen,

Dich selbst verzehrend in vergebnem Ringen –

O böse Zeit! Du drückst mit Zentnerschwere!

 

Zeig mir, o Gott, die heil’ge Zufluchtstätte

Im stillsten, weltentleg’nen Felsenthale,

Daß ich dein Bild in meiner Seele rette!

 

Aufjauchzend rauscht’ ich dort im Morgenstrahle,

Mit jungen Adlern fliegend um die Wette,

Der Sonne zu, empor zum Ideale.

 

 

 

Albert Mathaei                       Sankt Michael

 

Wohlauf, ihr Ritter all’ vom heil’gen Geiste!

Zum Kampfe für der Menschheit große Sache!

Gerüstet seid und treulich haltet Wache,

Daß nicht der Feind sich täglich mehr erdreiste!

 

Die Hölle lacht; die alte Schlange kreißte!

Im Urschlamm liegt der junggeborne Drache,

Die ganze Welt verschlingen möcht’ sein Rache,

Und Erz- und Todfeind ist er allem Geiste!

 

Der alten Lüge neuer Wiederkäuer,

Von Unsinn und Vernunft erzeugter Zwitter,

Von Wissensdurst geblähtes Ungeheuer –

 

Vertilgt das Vieh, ihr heil’gen Geistesritter!

Vergebt’s mit Gift! Bewerft’s mit fressend Feuer!

Mit scharfen Schwertern schlagt’s in tausend Splitter!

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Sternenzauber

 

Verrauscht ist allgemach des Tages Toben,

Und stiller wird es in des Herzens Zelle;

Gelind und ruhig fließt des Blutes Welle,

Und träumerisch entschwebt der Blick nach oben.

 

Geheimnisstrahlend glänzt es wieder droben

Und strömt herab aus goldner Munderquelle;

Aufzuckt im Busen ahnungsvolle Helle,

Er fühlt sich magisch mit dem All verwoben:

 

Die Nacht erklingt vom Liebeslied der Sterne,

Es lockt hinauf mit zauberischen Tönen,

Zurück zur Heimat in des Himmels Ferne.

 

Die Seele kann sich nicht hierher gewöhnen,

Hinweg von dieser Erde strebt sie gerne,

Und läßt der Sehnsucht Echo widertönen.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Versöhnung

 

Du lächelst, Herr, dem knabenhaften Zorne,

Der nicht begreift in seines Sinns Verblendung,

Daß du im Gleichmut göttlicher Vollendung

Die Rose nur erschufst mitsamt dem Dorne.

 

So blickst du ruhig auch auf das verworr’ne

Getriebe, gönnend ihm die Allentfaltung;

Die Welt bedarf der Kräfte Kampf und Spaltung;

Das Böse dient dem Guten nur zum Sporne.

 

Noch stets ging Schlechtes durch sich selbst zu Grunde,

Weil’s Trug und Blendwerk, nichtig, hohl im Innern;

Nur Gutes dauert, weil’s mit dir im Bunde.

 

Längst ist der Sieg auf immerdar entschieden.

Der Regenbogen glänzt, mich zu erinnern:

Versöhnung ist in dir und ew’ger Frieden!

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Weckruf

 

Still sinnend schreit’ ich unter Blütenbäumen.

Wie süß betäubend weht der Duft vom Flieder!

Wie herzerfreuend klingen Frühlingslieder!

Die Seele schwärmt und schwelgt in Hoffnungsträumen.

 

Da ist es mir, es schallt aus Himmelsräumen

Wie zürnend eine Stimme zu mir nieder:

Erwache Träumer, rüste deine Glieder!

Die Tuba nimm, den Rappen laß dir zäumen!

 

Ein Herold sollst du sein glücksel’ger Zeiten,

Wo Haupt und Herz sih wiederum versöhnen

In freier Menschen Brust und nicht mehr streiten!

 

Zag nicht! Ich geb’ dir Kraft, dich zu entwöhnen

Von allem Niedrigen; ich will dich leiten.

Du sollst viel Edeln durch die Seele dröhnen.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Wunsch

 

Wohl hab’ ich an das Schicksal manche Bitte,

Die ich von Herzen gern erfüllet sähe,

Doch eines ist’s, was ich zumeist erflehe

Und, läg’s bei mir, um jeden Preis erstritte:

 

Daß ich dereinst in großen Kampfes Mitte,

Entscheidend für der Menschheit Wohl und Wehe,

Ein Rittersmann im Dienst der Freiheit stehe

Und, wenn ich’s wert bin, auch den Tod erlitte!

 

O höchste Himmelsgunst, das eigne Leben

Als Trauerspiel erhaben zu beschließen!

Der Held erliegt, doch Sieger bleibt sein Streben.

 

Aus Blut und Thränen einer Welt entsprießen

Des neuen Geistes hoffnungsvolle Reben,

Daß Enkel einst bei goldnem Wein genießen.

 

 

 

 

 

Albert Mathaei                       Zurechtgefunden

 

Verirrt in Nacht und Wüste pfadlos schreitend,

Am Himmel sah ich plötzlich mir erscheinen,

Klar eine Stadt, gebaut aus Edelsteinen,

Darüber Palmen hoch die Fächer breitend.

 

Um ewige Bronnen leicht im Mondlicht schreitend,

Lustwandelten viel selige Gestalten;

Gewande glänzten, und Gesänge hallten,

Sanft durch die Nacht mit Harfenklängen gleitend.

 

Hinauf noch schaut’ und horcht’ ich ohne Regung,

Da schon in Nacht das Bild zurückgeschwunden;

In mir war unaussprechliche Bewegung.

 

Traumwandelnd hab’ ich so den Pfad gefunden,

Von Himmelsmelodien nachgezogen,

Die sanft-allmächtig mir das Herz durchwogen.